Der Gründer des Webs darüber, warum KI ein Retter und kein Mörder sein könnte

5

Sir Tim Berners-Lee, der Architekt des World Wide Web, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um den Stand seiner Schöpfung geht. Er sieht in der künstlichen Intelligenz (KI) sowohl Gefahren als auch Möglichkeiten und argumentiert, dass die aktuelle Entwicklung zwar seine Vision eines offenen, demokratischen Internets gefährdet, KI aber auch einen Weg zurück zu diesem Ideal bieten könnte.

Diese Spannung zwischen Hoffnung und Warnung belebt Berners-Lees neue Memoiren „This is For Everyone“, in denen die Entwicklung des Internets von idealistischen Ursprüngen zu einer von Walled Gardens und Datenextraktion dominierten Landschaft aufgezeichnet wird. Kürzlich setzte er sich mit Nilay Patel von The Verge zusammen, um diese Bedenken auszuräumen und darüber nachzudenken, wie Plattformen wie TikTok und YouTube, obwohl sie oberflächlich mit dem Internet verbunden sind, tatsächlich im krassen Gegensatz zu ihren ursprünglichen Prinzipien der Offenheit und Benutzerkontrolle funktionieren.

Das Web im Rückzug:

Während Berners-Lee anerkennt, dass Dienste wie YouTube riesige Mengen an Inhalten zugänglich machen, äußert er große Besorgnis über ihre Designentscheidungen, insbesondere über ihre Abhängigkeit von süchtig machenden Algorithmen. Als Paradebeispiel nennt er TikTok: „Wenn ich auf TikTok wäre, würde ich wahrscheinlich ewig durch sie scrollen.“ Er argumentiert, dass dies einen gefährlichen Trend widerspiegelt: Plattformen legen Wert auf die Einbindung der Nutzer über alles andere, selbst auf Kosten der individuellen Entscheidungsfreiheit und des Wohlbefindens.

Dieser Wandel, so Berners-Lee, untergräbt das, was er digitale Souveränität nennt – die Fähigkeit des Einzelnen, nach seinen eigenen Vorstellungen Informationen zu veröffentlichen, Informationen zu konsumieren und im Internet zu navigieren. Auch wenn Plattformen ihre befähigenden Funktionen anpreisen, üben sie letztendlich eine immense Kontrolle darüber aus, wie wir mit Daten und untereinander interagieren. Er sieht Parallelen zwischen dieser Dynamik und der früheren Dominanz von Microsoft im Browserkrieg, bevor kartellrechtliche Bedenken eine gewisse Marktkorrektur erzwangen.

Ein fehlendes Web-Konsortium für KI:

Dann stellt sich die Frage: Kann sich diese Geschichte für KI wiederholen? Können wir ähnliche Sicherheitsvorkehrungen treffen, bevor sich die Technologie noch weiter verfestigt? Berners-Lee ist jedoch skeptisch. Anders als im frühen Web, wo sich Unternehmen wie Netscape und Microsoft schließlich unter der Schirmherrschaft des W3C auf einen gemeinsamen Satz von Standards einigten, scheint die aktuelle KI-Landschaft von hartem Wettbewerb und mangelnder Bereitschaft, externe Zwänge zu akzeptieren, geprägt zu sein.

„Ich glaube nicht, dass das passieren wird“, gibt er offen zu, als er gefragt wird, ob eine internationale Einrichtung ähnlich dem CERN für KI gegründet werden könnte. Er zitiert Persönlichkeiten wie Marc Andreessen, einen prominenten VC, der sich für eine unkontrollierte KI-Entwicklung einsetzt, als Beweis dafür, dass die treibenden Kräfte hinter dieser Technologie in erster Linie auf Gewinn und Innovation und nicht auf kollaborative Governance ausgerichtet sind.

Die flackernde Hoffnung:

Trotz seiner Vorbehalte ist Berners-Lee nicht ganz pessimistisch. Der Titel seiner Memoiren selbst, „Das ist für alle“, bringt eine Grundüberzeugung zum Ausdruck: Das ursprüngliche Potenzial des Internets ist noch nicht vollständig ausgeschöpft. Er schlägt vor, dass KI paradoxerweise ein Werkzeug zur Rückeroberung dieses Ideals werden könnte. Stellen Sie sich, so postuliert er, einen quelloffenen, kollaborativen Ansatz zur Entwicklung von KI-Technologien vor – einer, der auf den Prinzipien der Transparenz, Verantwortlichkeit und Benutzerkontrolle basiert. Eine solche Anstrengung könnte Einzelpersonen stärken, anstatt die Macht in den Händen von Technologiegiganten zu konzentrieren.

Diese Vision basiert auf der Verlagerung von Anreizen und der Förderung eines neuen Web-Ethos, das sich auf den kollektiven Nutzen statt auf uneingeschränktes Wachstum konzentriert. Das ist noch ein langer Weg, aber für Berners-Lee bleibt es der überzeugendste Weg nach vorn – ein Weg, der genau die Technologien nutzt, die das Web zu untergraben drohen, um letztlich sein ursprüngliches Versprechen einer offenen, gleichberechtigten und stärkenden Online-Welt wiederherzustellen.